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Liebe Gemeinschaftbildungs-Interessierte,
von Lesern unserer Aussendungen wurde der Wunsch geäußert, etwas darüber zu hören, was in den Workshops und auch bei uns Begleitern so los ist. Dem möchte ich hier nachkommen.
Im Moment laufen gerade viele Workshops (4 Wochenenden innerhalb von 5 Wochen). Im Zuge der Vorbereitungen stellen wir uns immer wieder die Frage, wie wir die Wochenendworkshops bzw. unsere Begleitung verbessern können. Mit unseren Kurzworkshops sind wir eigentlich ohne Ausnahme sehr zufrieden, bei den Wochenenden sieht die Bilanz noch nicht so gut aus. Wir erleben immer wieder, dass die Gruppen zwischen dem Pseudo und Chaos in einem Zustand der Zurückhaltung (man könnte es auch als Langeweile oder einem Zustand von Nichtfühlen, mangelnder Präsenz oder auch Überforderung bezeichnen) hängen bleiben. Das ist der schwierigste Punkt. Nicht nur für den Begleiter, sondern auch für die fortlaufenden Gruppen. Das Pseudo wurde von der Gruppe durchlaufen, aber sie schafft es noch nicht richtig in die nächste Phase (der schwierigen Gefühle) einzutauchen. Das Chaos kann sehr verletzend sein, es erfordert Know-how wie man mit Konflikt und Kritik umgeht. Nicht umsonst spricht Scott Peck von einem Laboratorium für persönliche Abrüstung, ist die gewaltfreie Kommunikation in aller Munde.
Ein Problem bei der Erforschung der Situation und wie man eine Gruppe darin am besten unterstützen kann, besteht darin, dass in dem umfangreichen amerikanische Handbuch für die Ausbildung zum Begleiter und in der (leider nur 4 tägigen) Ausbildung nichts von dieser Situation erwähnt wird. Auch haben wir bei Scott Peck nichts darüber finden können. In der gesamten Literatur und Webseiten über Gemeinschaftsbildung konnten wir nur bei dem Unternehmensberater Ingo Heyn etwas über das Thema finden. Das hat uns verunsichert und wir haben uns gefragt, ob wir vielleicht etwas grundlegend verkehrt machen, dass unsere Gruppen regelmäßig in diesen Zustand der Zurückhaltung geraten und gleichzeitig nichts darüber geschrieben wird. Auch ein Besuch des jährlichen amerikanischen Treffens im letzten Sommer in Detroit hat keine Aufklärung bringen können.
Vor dem ersten Workshop in diesem Jahr in Wien haben wir uns deshalb sehr gründlich vorbereitet und uns auf den "orthodoxen amerikanischen" Stil eingeschworen, der zurückhaltender ist als unserer und in erster Linie Hilfestellungen in Bezug auf die 4 Phasen gibt, während wir mehr mit den Kommunikationsempfehlungen arbeiten. Das Ergebnis war überraschend. Schon nach dem ersten Abend haben wir uns entschieden, wieder zu unserem gewohnten Stil zurückzukehren. Einmal weil die Gruppe zu verletzend war miteinander, mit dem Chaos offensichtlich nicht gut umgehen konnte und weil sie trotzdem in diesem Zustand der Zurückhaltung gelandet ist. Wir haben dann unsere übliche (wesentlich ausführlichere als die amerikanische) Einführung nachgeholt und uns darauf konzentriert wie wir der Gruppe durch diesen Zustand der Zurückhaltung durchhelfen können.
Es geht darum eine Gruppe an die Chaosphase ran- und hineinzuführen. Darin besteht die Gefahr für den Begleiter, dass er zu ungeduldig, zu aktiv wird, zu sehr die Arbeit der Gruppe übernimmt und dadurch einzelne Teilnehmer zu sehr kritisiert. Ist die Position des Begleiters erst mal aus dem Lot geraten, ist es nicht einfach wieder zurückzufinden. An dieser Klippe haben wir uns schon manche blutige Nase geholt. Ich nenne die Hilfestellung für die Gruppe in dieser Situation "das konstruktive Chaos üben", man könnte es auch als "sich aufeinander beziehen" oder auch "sich miteinander Leermachen" bezeichnen (Feedbackrunden finde ich nicht so passend, weil es zu sehr nach einer Übung klingt).
An dem letzten Wochenende in Wien waren interessanter Weise 2 Teilnehmer dabei, die öfter bei Thomas Hübl, bzw. in der 3-jährigen Ausbildung sind. Beim Thomas gibt es die Sharing-Runden oder "tough talk", die viel Ähnlichkeit haben mit dem, was gebraucht wird, damit eine Gruppe aus diesem Zustand der Zurückhaltung herauskommt bzw. durchkommt. Die beiden waren eine gute Unterstützung für die Gruppe in Wien in dieser Phase weiterzukommen. Sie ist dann auch ab Sonntagmorgen sehr schön in der der 3. und 4. Phase gelandet und war dort bis zum Ende des Workshops, wie man sich es als Begleiter wünscht. Wir versuchen natürlich möglichst keine Erwartungshaltung zu entwickeln, aber es ist schon ein frustrierendes Erlebnis, wenn eine Gruppe an einem Wochenende gar nicht oder nur sehr kurz in der 3. und 4. Phase ankommt. Die Teilnehmer erwarten es, insbesondere, weil viele das Buch von Scott Peck gelesen haben und er dort schreibt, dass er an einem Wochenende bei fast allen Gruppen diesen Zustand erreicht.
Seit einiger Zeit experimentieren wir außerdem damit in den Pausen und besonders am Samstagabend zu tanzen um einen Ausgleich zu schaffen für das viele Sitzen und auch um Gemeinschaftsbildung im nonverbalen Bereich zu praktizieren. Am vergangenen Wochenende in Wien hatten wir für den Samstagabend eine Biodanzaleiterin engagiert. Das passt besonders gut zur Gemeinschaftsbildung, weil es dort auch viel um Begegnung geht.
Das war mein kurzer Bericht darüber, was uns zurzeit bewegt.
Herzlichen Gruss und vielleicht bis bald in einem unserer Workshops.
Götz
(Januar 2010)
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